Brief eines besorgten Vaters

Sonnenuntergang

Brief eines besorgten Vaters

Sohn,

Deine Mutter war schon sehr lange mit der Idee von dir schwanger, bevor sie dich endlich in diese Welt brachte und obgleich es nun schon eine Weile her ist erinnere ich mich noch genau an dein erstes Wort. Nun ja, deine Mutter ist Schriftstellerin und so dachte ich ehrlich gesagt nie, dass du mal fertig werden würdest. Doch mit der Zeit wurden es immer mehr Worte und ehe ich mich versah wurdest auch du – wie die meisten deiner Freunde – immer größer und dicker.

Die Zeit deiner Entwicklung verging wie im Flug, gerade warst du noch ein kleines Wort und im nächsten Moment warst du schon ein ganzes Buch – zwischenzeitlich hatten deine Mutter und Ich wirklich Angst, aus dir könnte mal eine Zeitschrift werden. Doch nach 200 Seiten war uns klar, dass aus dir ein echtes kleines Taschenbuch geworden ist. Wir waren unglaublich stolze Eltern.

Du hast deine Mutter viel Schweiß und Tränen gekostet und warst ihr das Allerliebste. Es fiel ihr schwer dich ziehen zu lassen, auch wenn sie schon an deinem Bruder bastelte, denn du begannst dich langsam für ganz andere Dinge zu interessieren und es wurde Zeit für dich flügge zu werden. Dein Interesse galt nun voll und ganz den Verlagen.

Natürlich ist dies eine ganz gewöhnliche Entwicklung bei einem jungen Buch, aber für einen Vater ist es eben schwer mit anzusehen wie du dich einem nach dem anderen hingibst und dann verletzt und abgewiesen in der Ecke liegst. Die meisten dieser Schweine wollen eben doch nur das eine: Geld. Letztendlich blieb mir nur die Hoffnung, dass du den Richtigen finden würdest. Einen, der dich gut behandelt und dich nicht in deinen Aussagen kürzt. Das Schicksal meinte es gut mit dir und du gelangtest an einen jungen freien Verlag, der für dich sorgen wollte.

Mittlerweile hattest du dir sogar ein Hardcover wachsen lassen und standest nun ganz vorne in den Regalen. Du sahst aus wie eins der Großen. Und dann kam die Zeit des schweren Abschieds. Du erlangtest Ruhm und Anerkennung und wolltest die Welt entdecken. Für mich hieß es endgültig loslassen, da du immer bekannter wurdest und auch international gut ankamst. Du lerntest viele fremde Länder und Sprachen kennen. Leider wurdest du manchmal einfach nicht richtig übersetzt. Einige meinten sogar Fehler an dir zu entdecken, aber niemand ist eben perfekt, auch wenn ich mir stets Mühe gab dir als Vater und Lektor gerecht zu werden.

Sohn, du bist nun in der fünften Auflage deines Lebens und eines möchte ich dir noch mit auf den Weg geben: Lebe mit Stolz und alter mit Würde, steh zu deinen Eselsohren und deinen vergilbten Seiten im Alter. Und wenn sich irgendwann dein verstaubter Deckel für immer schließt, dann sei stolz auf das was du der Welt beschert hast!

In Liebe,

dein Vater

Anna Louise & Alexander Buchloh

 

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