Der kleine Traum

Rose 2

Der kleine Traum

Letzten Mittwoch habe ich meine Träume begraben.

Es war eine kleine Feier im engsten Kreis. Anwesend waren vor allem diejenigen, die von vorneherein gezweifelt hatten. Hoffnung, Glück und die Freude waren leider verhindert und so stand ich ziemlich verloren am Grab.

Nur die Einsamkeit leistete mir Gesellschaft.

Mein Bankkonto schickte eine Glückwunschkarte. Ich nahm es ihm aber nicht übel. Es hat einen seltsamen Humor.

Was soll ich sagen, es ging meinen Träumen schon längere Zeit nicht gut. Ihr Ableben war vorherzusehen. Desto mehr überraschte es mich, wie weh es doch tat. Eigentlich sollte man meinen, ich hätte damit gerechnet. Ich bin langsam in einem Alter, in dem es ganz normal ist, wenn der ein oder andere Traum zerbricht. Viele Menschen lassen sich von ihren Träumen scheiden. Seien es nun unüberbrückbare Differenzen oder ganz einfach eine Krankenversicherung, die zu zahlen ist.

Die Rede fiel kurz aus. Es gab nichts mehr zu sagen. Mein Wunsch wäre es gewesen, wenn wenigstens der Trotz ein paar Worte gesagt hätte. Dieser lehnte aber nur schweigend am Baum und rauchte eine Zigarette.

Nachdem ich eine einzelne Rose auf den Sarg gelegt hatte, wollte ich über dem Grab zusammen brechen und nie mehr aufstehen. Meine Gedanken hielten mich davon ab, mit der Bitte, mich doch um das Kind meiner Träume zu kümmern. Es sei jetzt allein auf der Welt und habe niemanden mehr. Ich zuckte mit den Schultern. Wer hätte gedacht, dass meine Träume so umtriebig gewesen waren… Ich selbst hatte von diesem Kind jedenfalls nichts gewusst. Jetzt stand ich da mit einem winzig kleinen Etwas von Traum auf einem verregneten Friedhof.

Eigentlich waren meine weiteren Pläne schon vor gegangen, in die Kneipe um die Ecke, wo sie bestimmt schon mit jeder Menge Alkohol und Zigaretten auf mich warteten.

Ich hasse Babyträume. Ich kann mit ihnen nicht umgehen. Ich rief den Mut an. Belegt. Die Hoffnung war ebenfalls nicht zu erreichen. Vollkommen entnervt ließ ich den winzigen Traum neben dem Grab seiner Eltern zurück. Ich meine was kann ich schon dafür, dass die nicht besser aufgepasst haben.

Da saß nun dieses kleine Häufchen Traum auf dem Boden. Es nuckelte auf seinem Daumen und schaute mich aus unschuldigen Augen groß an.

Was soll ich drum herum reden. Seid diesem Tag, an einem Mittwoch im Mai, sitze ich jeden Morgen da und weiß gar nicht so genau, wie mir das passieren konnte. Wie ich dazu kam, einem Babytraum jeden Tag dabei zu zuschauen, wie er seine Cornflakes löffelt.

Es ist komisch nicht mehr allein zu sein. Noch weiß ich nicht genau, was ich mit dem kleinen Ding anfangen soll. Ich wünschte seine Eltern wären da. Ich vermisse meine Träume so sehr, dass ich jeden Tag laut schreien könnte vor Seelenqualen.

Vermisst du deine Eltern sehr?“, frage ich den kleinen Traum hoffnungsvoll. Es wäre schön jemanden zu haben, mit dem ich über sie sprechen könnte.

Mh, geht so“, sagt der kleine Traum knapp und schlürft seine Milch, „Sie waren doch wirklich schon unglaublich alt.“

Ich schaue das Kleine geschockt an. Langsam gehen mir die Gesprächsthemen aus. Ich hatte noch nie ein Kind. Was bildet sich dieses winzig kleine, hilflose Ding ein, einfach in mein Leben einzudringen und alles durcheinander zu bringen. Ich und meine Träume hatten ein glückliches unerfülltes Leben bevor sie einfach gegangen sind und mich mit diesem kleinen Ding da zurück gelassen haben. Ich habe keine Kraft für so was. Sieht es denn nicht, ich bin in Trauer. Ich bräuchte jemand der sich um mich kümmert.

Abwesend stelle ich dem kleinen Wesen einen Kakao mit kleinen Marshmallows drauf hin und streiche ihm übers Haar. Irgendwie passen wir zwei nicht zusammen. Ich bin viel zu alt und desillusioniert für so einen wunderhübschen, süßen, kleinen Traum.

In meinem Alter sollte man doch schon angekommen sein. Da hat man ein Haus, ein Auto und vor allem einen guten Job, mit unbefristetem Vertrag. Da hat man vernünftige Ziele und ganz bestimmt kein in die Windeln machendes Träumchen, das gerade in der Trotzphase ist .

Ich hasse diesen neuen Traum. Seid er da ist, hat die Hoffnung schon drei mal angerufen. Ich will ihn nicht haben. Ich vermisse meine alten Träume.

Ich gehe auf den kleinen Traum zu und lege von hinten meine Hände um seinen winzigen Hals um ihn zu erwürgen. Ich will keinen neuen Traum, der sich dann mit Zielen befreundet und hinterher muss ich mich wieder um alle Kümmern.

Ich hänge noch zu sehr an meinen alten Träumen. Ich will sie einfach nicht los lassen. Es klingelt an der Tür. Ich zucke zusammen und lasse schnell den kleinen Traum los. Ich bin verrückt. Geschockt schaue ich das kleine Etwas an.

Was ist aus mir geworden?

Das winzige Dings da, ist aber gar nicht traurig oder wütenden. Es streckt einfach seine kleinen Hände aus und will in meinen Arm. Seufzend hebe ich ihn hoch. Das dumme kleine Wesen. Weiß es denn nicht, dass ihm das selbe Schicksal bevor steht, wie seinen Eltern?

Ich höre wie die Hoffnung herein kommt. Klar, sie hat ja einen Schlüssel. Ich bin immer noch sauer. Sie hätte ruhig mal auf der Beerdigung erscheinen können. Immerhin war sie eng mit meinen Träumen befreundet, bevor sie altersschwach und krank geworden sind. Die Hoffnung nimmt sich einen Kaffee und setzt sich an den Tisch.

Mut hat ne Sms geschrieben er kommt auch gleich mal vorbei.“ Ich nicke nur stumm. Noch so ein Abtrünniger der sich plötzlich wieder blicken lässt. Ich merke, dass ich den kleinen Traum ziemlich liebevoll im Arm hin und her wiege.

Ne du kannst alleine sitzen!“ sage ich abrupt und stoße den kleinen Traum brutal von mir. Die Hoffnung schnalzt entrüstet mit der Zunge.

Darf ich ihn mal halten?“ „Bitte, bitte, tu dir keinen Zwang an, der machts eh nicht lange“, sage ich kalt.

Sei doch nicht so böse. Er mag dich doch so.“ Ich schaue auf den kleinen Traum, der seine Hände sehnsüchtig nach mir ausstreckt. Auch wenn ich mich wirklich wehre, kann ich nicht verhindern, dass die Liebe in mir aufsteigt. Wo kommt die denn jetzt her. Ich dachte die wäre unterwegs. Wollte den Jakobsweg laufen oder so was.

Ich nehme den kleinen Traum wieder auf den Schoß.

Vielleicht ist er ja doch ganz süß. So schlecht fühlt es sich jedenfalls gar nicht an ihn im Arm zu halten. Ich streichele ihm über den Kopf.

Was willst du denn mal werden wenn du groß bist.“ fragt die Hoffnung den kleinen Traum munter. Der kleine Traum dreht sich zu mir um, legt seine Patschehand auf meine Wange und streichelt mich sanft und beruhigend. Dann fängt er übers ganze Gesicht an zu strahlen und sagt:

Absolut schön, gigantisch groß und einfach wundervoll.“

Anna Louise Buchloh

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