Über Bremser und Blockierer

Stop

Über Bremser und Blockierer

Es gibt jene Tage, an denen man auf Grund unvorhersehbarer Umstände in Zeitnot gerät. Sei es wegen des Nachbarn, der mit seinem Schlagbohrgerät einen Vorstoß auf ein elektrisches Kabel gewagt hat, man daraufhin im Dunkeln über die Katze gestolpert wurde und im Fall mit dem Kopf die Türklinke abschlug, worauf diese sich nicht mehr hat öffnen lassen – oder einfach weil man die Zeit mal wieder sinnlos vertrödelt hat.

In diesen ohnehin extremen Situationen des Daseins spielt das Universum meist eine lebensverneinende Rolle, indem es uns mit Hilfe achtsam in den Weg geworfener Hindernisse den Ausweg aus der Entstandenen Misere (durch hastiges Eilen) unmöglich erscheinen lässt. So binde ich zum Beispiel in regelmäßigen Abständen kleine komplizierte Knötchen in meine Schnürsenkel, anstatt die Schleife des durch den Vortag entstandenen lässigen Herausschlüpfens zu lösen. Ebenso das durch schräges Halten des Borstenreinigungsapparates entstehende Hinabgleiten der Zahnpasta vor der eigentlichen Arbeit in der dafür vorgesehenen Oralöffnung kenne ich zu genüge. Einfach ätzend. Doch noch weitaus nerviger als das detailverliebte Universum ist das vermeintlich unabsichtliche Zuspiel bösartiger Kleinbürger. Das sogenannte „bremsen“ und „blockieren“. Bremser treten häufig in starkbevölkerten Fußgängerzonen auf, in welchen sie, durch intensives Schaufenstergaffen oder suchtartiges Smartphone-Bedienen, den, eigentlich doch so gleichmäßig voranschreitenden, Passantenstrom gezielt ausbremsen. Ein Überholmanöver wird meist mit dem Auftreten eines noch bösartigeren Komplizen bestraft, dem sogenannten Blockierer. Diese vermögen in schlecht überholbaren Bereichen das Vorankriechen des oder der Ausgebremsten endgültig zum Stillstand zu bringen.

So wie die Knötchen in den Schnürsenkeln und die hinabgleitende Zahnpasta bleiben auch Bremser und Blockierer meist keine Einzelfälle. Gerne schlagen sie beispielsweise zu hunderten an ihren „Feiertagen“, den verkaufsoffenen Sonntagen, zu, an denen man sich natürlich niemals selbst in die Massen gaffbegieriger Kleinkapitalisten begeben würde, aber auf Grund eines Spontanbeschlusses des Kühlschranks (von nun an leer zu sein) gezwungen ist, doch noch kurz einen Kleineinkauf zu erledigen. Nach dem man den Hinweg und Einkauf von 91,35€ mühsam aber erfolgreich hinter sich gebracht hat, geht es jetzt, mit vier prallen Jutebeuteln bepackt, auf dem verbliebenen Nervenstrang in Richtung sehnsüchtig angestrebter Couch-Fata-Morgana. Was hat mich nur dazu bewegt heute das Haus zu verlassen? Ach ja – der Kühlschrank. Die, meiner Meinung nach zu Recht entstandene, Explosion meiner Synapsen, nach dem mehrfachen Agieren der oben genannten Randgruppe, im Wortlaut etwa so: „Nun aber wirklich, muss das den sein?!“, wird mit freundlich Fratzen gekonnt gekontert. „Was bewegt Sie denn zu solcher Hast junger Mann? Es ist Sonntag!“. Ich kämpfe mich ächzend weiter. „Aber sehen Sie doch nur, diese niedliche singende Weihnachtsmannpuppe. Oder sagt man da heutzutage Wintermannpuppe? Also wegen der Religion und so.“. Tränen breiten sich in meinen Augenwinkeln aus. Manchmal wünsche ich mir ich wäre heiß und fettig. Aber nicht aufgeben. Weiter geht’s mit einem Lied auf den Lippen: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer…“. „Gleich geschafft!“, denke ich und werde im selben Moment von einem Herren mittleren Alters unsanft ausgebremst und radikal blockiert. „Junger Mann, haben Sie, also Sie persönlich, schon einmal über eine Blutspende nachgedacht?“. Ich bin überrascht von mir, er auch. Spontane Blutabgabe – von ihm! Auf dem restlichen Weg vertröste ich meine Tat damit, der Caritas zumindest einen neuen Weg der Blutentnahme gezeigt zu haben: den nasalen.

Wenn sie ihre Augen ein wenig jenseits der gewöhnlichen Bandbreite visueller Penetration öffnen, werden sie sehen, dass Bremser und Blockierer in allen Lebensbereichen unterwegs sind. Katzen haben diese Funktion zum Beispiel von Geburt an, verbunden mit dem Endziel, das mit Geschirr beladene menschliche Opfer zu Fall zu bringen. Auch auf Autobahnen treiben mittelspurfanatische Bremser gerne ihr Unwesen. Das penetrante In-den-Kofferraum-Fahren, gefolgt von unvermeidlichem Rechtsüberholen, führt allerdings meist nur zum Blockieren. „So leicht lasse ich mich nicht unterkriegen“, denke ich und lasse meine Synapsen entflammen um eine geeignete Lösung zur Beseitigung oder wenigstens Vermeidung dieser alltäglichen psychischen Belastung zu erlangen. Dabei merke ich gar nicht, dass ich auf Grund des Denkflusses in ein physisches Stocken gerate. Ich höre nur ganz gedämpft in weiter Entfernung ein genervtes „Nun aber wirklich, muss das denn sein?!“.

Alexander Buchloh

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s