Tut mir leid – Ich habe einfach keine Lust!

Bauch

Tut mir leid – Ich habe einfach keine Lust!

Das Thermometer zeigt über dreißig Grad an und die Beine verbrennen langsam auf dem dunklen Autositz, während sich die Schlange der Autos vor Ihnen nur langsam voran bewegt. Nervös trommeln sie mit den fingern auf dem Lenkrad herum und eigentlich ist Ihnen schlecht. Stau und das bei der Hitze – und die Stimmen in ihrem Kopf flüstert leise „Ich hab es dir doch gesagt, hättest du doch abgesagt.“ Sie wissen ganz genau warum Sie nicht abgesagt haben. Besagte Freundin wird nur einmal dreißig und auch wenn Sie sich eigentlich gar nicht mehr so gut verstehen – die ganzen Gemeinheiten die sie immer wieder von sich gibt meint sie ja nicht so – irgendwo tief drinnen wissen Sie, dass war nicht was Sie wollten…

Warum fällt es uns so schwer auf unser Bauchgefühl zu hören? Die Leser die mich besser kenne wissen, dass dieses Beispiel natürlich nicht von mir sein kann, denn ich könnte mangels eines fahrtüchtigen Autos dieser Freundin getrost absagen. Aber auch mir passiert es andauernd, dass ich mich dabei ertappe wie ich gegen meine innere Stimme arbeite, die mich warnt. Ein kleines Beispiel: In einer Suppe die mir letztens als vegetarisch angepriesen wurde, war ich mir sicher Fleischstückchen entdeckt zu haben. Anstatt die Suppe einfach stehen zu lassen, man muss dazu sagen ich hatte großen Hunger, erkundigte ich mich erneut ob sie wirklich ohne Fleisch wäre. Alle anwesenden Personen versicherten mir hoch und heilig ich könnte die Suppe getrost essen. Aber da sie wirklich nach Fleisch schmeckte, versicherte ich mich erneut. Ich aß ein bisschen davon und schlussendlich stellte sich heraus die Suppe war kein bisschen vegetarisch. Ich hatte es gewusst, aber weil alle das Gegenteil behaupteten, war ich bereit Anderen mehr Glauben zu schenken als mir selbst. Jetzt sagen Sie vielleicht Ihnen geht das niemals so, dann sage ich herzlichen Glückwunsch. Ich hingegen stehe im ständigen Kampf zwischen Baugefühl und allem anderen, was mein Kopf an schlauen Kommentaren für die jeweilige Situation bereit hält. Wundervolle Ratgeber wie „HOW TO LISTEN TO YOUR BELLYFEELING IN TEN STEPS“ und Teil zwei „JUST LISTEN TO YOUR DAMN BELLYFEELINGS AND FORGET THE FUCKING STEPS“ erklären einem, dass in allen Situationen, wie verzwickt sie auch sein mögen, die Entscheidung eigentlich schon gefallen ist… Tja das sagen die so einfach. Jetzt ist der Winter gerade vorbei, der Sommer hat die ersten dreißig bis vierzig Eisbecher schon mitgebracht und da ist das Bauchgefühl ganz gut versteckt unter den ein bis fünf Kilo zu viel. Eigentlich wollte man diesen Kilos doch schon länger an den Kragen. Man weiß doch selbst, dass man nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Vielleicht würde uns unser Bauchgefühl, wenn wir etwas besser zuhören würden, zurufen, dass wir schon richtig so sind wie wir sind, dass Instagram und Werbung ganz bestimmt nicht sind was sie scheinen und dass wir gar nicht aussehen müssen wie Super Models. Mein Bauch denkt da schon viel pragmatischer: „Würde ich dafür nicht zu existieren auch so gut bezahlt werden, dann könnten wir darüber nochmal reden.“ Ich bin mir sicher mein Bauch bringt irgendwann noch das Programm auf den Markt „Ich mach dich Krass sexy dot Komm aufs Sofa und tu dir mal was gutes bevor du dich die ganze Zeit so stresst wegen nichts.“ Ein Programm, wie ich mich selbst zu lieben lernte ohne Kalorien zu zählen und Gewichte zu stemmen, die viel zu schwer für mich sind. Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch, auch mein Bauchgefühl macht gerne Sport. Aber sehen Sie was hier passiert? Ein klassisches Beispiel. Mein Bauchgefühl findet es dämlich, dass Orangensaft mit Watte übertriebenem Fitnesswahn gewichen ist. Eine Avocado mit Gojibeeren nach der anderen zu fressen, während man eine Milliarde Situps macht ist nicht gesünder als nichts zu essen.Warum habe ich das Gefühl sagen zu müssen Sport ist wichtig. Mein Bauch mag selten Sport und selbst wenn, ihn nicht zu mögen ist seine Meinung. Demnach ist es zu einem Teil auch meine Meinung und es könnte mir egal sein, ob noch irgendwer anders auf der Welt diese teilt. Trotzdem muss ich es sofort relativieren, weil der Fitness- und Gesundheitswahn das ist was man gerade so macht. Also außer mein Mann, der hört da auf sein Bauchgefühl, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Verzeihen sie mir dass kleine man-Mann-Wortspiel. Man kann so schlecht über das Wörtchen man schreiben ohne den Mann zumindest einmal an den Mann zu bringen. Boah was ist das denn bitte für ein Text, der ist nicht witzig, viel zu zynisch, dass kann man doch nicht tun. Simsalabim verehrte Leser, da ist er der Satz, der unsere Bauchgefühl für den Rest unseres Lebens versaut. Diesen Satz, das kann man doch nicht tun, höre ich ständig und übrigens in einer Vielzahl der Fälle von mir selbst. Zu Kindern sagen wir es besonders gerne, denn diese kennen das kleine Wörtchen man noch nicht so gut. Spannenderweise sagen wir diesen Satz, nachdem die kleine Ernestine, Johan den Zahn schon ausgeschlagen hat. „Aber Ernestine wieso hast du denn Johan den Zahn ausgeschlagen. Das kann man doch nicht machen!“. Wäre Ernestine klug würde sie antworten „Doch schau das kann ich. Hab´s doch gerade getan. Aber wenn du wissen willst wie es geht, falls du auch mal willst, es geht so…“, und zack schnellt die Faust vor und Johan fehlt ein weiterer Zahn. Natürlich macht Ernestine nichts dergleichen, denn so was macht man nicht, sondern merkt sich für den Rest ihres Lebens das irgendein man es nicht gut findet wenn Zähne ausgeschlagen werden. Ich bin wirklich froh, dass Ernestine sich das merkt. Denn es ist wirklich nicht schön wenn blond gelockte kleine Mädchen Zähne ausschlagen, wobei sich das nicht ausschließlich auf blonde Mädchen bezieht. Das mit dem Zahn war ein ganz doofes Beispiel, denn es ist wirklich super wenn Mann oder auch Frau das nicht tut. Aber was wäre wenn Ernestine vielleicht nur zu viele Fragen gestellt, oder mit dem schönen Kleid im schlammigen Matsch gespielt hätte? Vielleicht hätte Ernestiennie aufgehört Fragen zu stellen… Vielleicht hätte Ernestine ein Mittel gegen Krebs entwickelt… Vielleicht hätte Ernestine eine neue Spezies entdeckt…Vielleicht wäre aus Ernestine eine Künstlerin geworden, hätte sie nicht früh gelernt, dass man das nicht macht.

Anna Louise Buchloh

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