Kopfkirmes

Wein

Kopfkirmes

Es ist Montag. Montags mache ich mir immer Gedanken. Da steckt jetzt nicht unbedingt ein Masterplan dahinter, es ist einfach so, dass ich montags immer ins Grübeln gerate. Es ist auch nicht so, dass ich nicht auch an anderen Tagen meine Gedanken schweifen lasse, aber montags verfängt sich alles wie in einem riesigen Gedanken-Spinnennetz. Es sind grundsätzlich einfache Gedanken, die sich jedoch in einem weitläufigen Wirrwarr an Gedanken zerlaufen. Es fängt zum Beispiel so an, dass ich mir aus heiterem Himmel eine Flasche Rotwein öffne, einen Guten, einen der zum all morgendlichen Nutellabrot passt, ein Frühstückswein – ein Bordeaux! Und während ich die im Sonnenlicht schimmernde Farbe betrachte, die Tränen am Glasrand beschwenke und dabei unbewusst das Etikett lese – das Etikett! Das ist ja auch so eine Sache.

Das Gehirn schafft es irgendwie das Etikett unbewusst zwanzig Mal zu lesen, mir aber nichts davon zu sagen, und dann telefoniere ich zwölf Tage später mit einem wichtigen, äh ja, sagen wir mit einem anderen Menschen und dann sagt mein Gehirn plötzlich: „Appellation Vosne-Romaneé Controleé“! Was soll man denn damit anfangen? Einfach so aus dem Nichts Fetzen einer Sprache die man noch nicht mal aussprechen kann. Und völlig aus dem Zusammenhang. Es ist ja nicht so als ob ich gerade mit einem Franzosen telefoniere. Naja jedenfalls sitze ich, schaue Farbe, lese „blablöblü“ und plötzlich fragt mich mein Gehirn wer zur Hölle eigentlich so eingebildet und dennoch erfolgreich ist, dass er denkt er könne Dingen Namen geben. Gut anscheinend kann er es, aber wer kommt denn da einfach so hin und sagt: „Das ist ein Bordeaux-Rot!“. Wieso denn kein Rioja-Rot, oder Dornfelder-Rot? Wer erlaubt sich denn diese Frechheit mir die Freiheit zu nehmen Dinge so zu nennen wie ich sie sehe? „Ich hätte gerne dieses T-Shirt in Piss-Gelb!“. „Meinen sie dieses hier? Das ist Citrus-Gelb, aber eigentlich schon mit einem Stich ins rötliche.“. „Ja wissen sie, ich hatte da mal diese Harnwegentzündung und das ist eindeutig PISS-GELB!“. Da käm ich doch nie auf die Idee, das grenzt ja an Größenwahn! Aber vermutlich schlummert da auch ein kleiner Sprachnazi in mir, der sich für viel besser als wie die andern hält und wenn nicht gespurt wird gibt es eben Butterbrot mit Peitsche. Aber Sprache gehört eben zur Kultur und dient nun mal der Verständigung, selbst wenn ich mit meiner gönnerhaften Streberart dann immer wieder auf die Fresse fliege: Supermarkt in Holland, ca. zwei Kilometer östlich der Niederlande: ich stehe an der Kasse mit zwei Sixpacks Bier und einer Gurke. Vorbildlich wie ich bin sage ich nach beglichener Schuld „Dank je well!“. Und was kommt da als Antwort? „Wilt u het bonnetje erbij?“. Da fällt einem vor Schreck doch fast der Penis aus der Hand! „ICH BIN DOCH NUR HÖFLICH DU DUMME SAU!“ Kann doch nicht jeder Depp gleich Niederländisch! Und das ist ja auch das grundlegende Problem von Höflichkeit, man gerät eben doch zu oft in Situationen in denen man die Herausforderung des Lebens unterschätzt und die Intelligenz der Mitmenschen überschätzt. Royal-Blau – auch so ein Beispiel. Warum denn kein Diktator-Braun? Da wüsste man wenigstens welche Scheiße gemeint ist. Ich denke ich löse mich einfach genauso frech wie diese Namenserfinder-Kreativfritzen von all den Vorgaben und mach mir meine Welt widde widde wie sie mir gefällt! „Mis En Bouteille A La Propriété!“. Ha, da war es wieder mein überaus geprägtes Etikettengedächtnis. Wo war ich eben stehn geblieben? Ah ja bei meinem Frühstück. Na dann – jamás!

Alexander Buchloh

 

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