Das Bewerbungsschreiben

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Das Bewerbungsschreiben

Im zweiten Monat meiner Arbeitslosigkeit begann die Depression. Hatte ich mich zu Anfangs noch begeistert in die Bewerbungen gestürzt so begann ich nun langsam daran zu zweifeln ob meine Jobsuche wirklich so erfolgreich verlaufen würde wie ich mir das eigentlich vorgestellt hatte. Jeden Tag schreib ich mindestens vier Bewerbungen, die alle so ziemlich wie folgt lauteten:

Meine hochverehrtesten Damen und Herren,

mit übersprudelnder Freude habe ich gesehen, dass Sie in dem Bereich XY, der mir überaus gut liegt, eine Stelle als XYZ ausgeschrieben haben. Gerne möchte ich mich bei Ihnen auf die ausgeschriebene Stelle bewerben. Ich arbeite schon mein ganzes Leben mit XY zusammen und muss sagen, dass ich große Erfahrungen vorweisen kann. Ich bin sehr kundenorientiert und habe durch meine vorherigen Stellen im Bereich der XY und des XYD einen großen Erfahrungsschatz sammeln können. Ich bin flexibel, pünktlich, und stressresistent. Ich liebe es mit Menschen zu arbeiten und würde mich wahnsinnig freuen Ihr Team unterstützten zu dürfen.

Sehr gerne erreichen sie mich unter der Nummer: 123455566778

Allerbeste Grüße,

hochachtungsvoll,

usw…

Jeden Tag wartete ich darauf, dass es Einladungen regnen würde, aber das Einzige, dass vom Himmel kam, war Wasser, wie das so im Hochsommer im Deutschland ist. Ich war schon soweit mich wenigstens über eine kleine Absage zu freuen, aber nichts, rein gar nichts. Mein E-Mail Account blieb leer. Ich begann mich schon darüber zu freuen, wenn mir der Laden, in dem ich mich hatte überreden lassen eine Kundenkarte zu machen, seinen alltäglichen „Das ist keine Werbung, sondern ein Newsletter“ zusendete. Ich konnte also noch Mails empfangen…

Ich ging raus und klagte mein Leid und bekam prompt Hilfe. Natürlich hatte ich alles grundlegend falsch gemacht. Als allererstes strich ich das „ich möchte“ (großer Fehler) und änderte es in ein „ich bewerbe mich!“ Ich meine was sollen die Arbeitgeber denn bitte denken. Präziser Sprachgebrauch! Wenn ich es doch schon TUE dann MÖCHTE ich doch nicht. Entschuldigung MACHE. Kleinlaut sammelte ich all meine „ich freue“ und „gerne“ wieder ein und machte mich dran die neue Ultimative ehrliche Bewerbung zu entwerfen.

Sehr geehrte Frau/Herr XY,

hiermit bewerbe ich mich auf die von Ihnen ausgeschriebene Stelle als XYZ. Da mein Mann und ich umgezogen sind bin ich nun auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Durch meine bisherigen Arbeitsstellen bin ich stressige Situationen und den Umgang mit Kunden gewöhnt. Ich bin zuverlässig, treu und sehr flexibel. Ich weiß vielleicht noch nicht alles, aber ich lerne schnell und selbstständig. Ich arbeite sehr gerne im Team und würde mich freuen das Ihre unterstützen zu dürfen.

Beste Grüße,

etc.pp.

Langsam merkte ich insofern eine Verbesserung, dass ich in einem von zehn Fällen mittlerweile sogar eine Absage bekam. Keine mit einer plausiblen Begründung, aber immerhin.

Die Zeit verging und damit hielt die Routine Einzug. Ich meine man kann nicht jeden Tag fünf Bewerbungen schreiben und immer noch erwarten da jedes Mal die selbe Euphorie zu empfinden, wie Schakespeare, als er Romeo und Julia verfasst hat. Ich hielt mich weiterhin an meine strikte Vornahme ehrlich Bewerbungen zu schreiben.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ehrlich gesagt brauche ich den von Ihnen ausgeschriebenen Job dringend. Ich weiß mittlerweile nicht mehr wovon ich die Lebensmittel bezahlen soll, die ich ebenfalls für mein weiteres Überleben dringend benötige. Mittlerweile ist mir wirklich sogar schon fast ganz egal welcher Job das ist den sie anzubieten haben. Sie erreichen mich jeder Zeit auch Nachts unter folgender Nummer…

Ich weiß, dass sie viel zu tun haben, denn wenn sie voll besetzt wären hätten sie ja wahrscheinlich keine Stelle zu vergeben, aber ich fände es wirklich sehr liebenswert wenn sie mir wenigstens sagen könnten warum sie mich nicht wollen. Sie haben die Stelle jetzt mittlerweile zum dritten Mal wieder ausgeschrieben, wenn sie also so dringend suchen können sie mich doch wenigstens zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Sonst sehe ich mich gezwungen anzunehmen, dass sie gar nicht wirklich suchen, sondern nur so tun, damit es aussieht als ob ihr Drecksladen ein stetig wachsendes Geschäft wäre.

Beste Grüße,…

P.S. Sie können auch Sonntags anrufen!

Was soll ich sagen…

Nach zwei Wochen in denen immer noch nichts kam, änderte ich erneut die Strategie.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ganz ehrlich, ich kann nicht verstehen warum sie mit dem von Ihnen ausgeschriebenen Job so angeben, jeder könnte ihn machen. Meine momentane Lage zwingt mich dazu, mich bei Ihnen zu bewerben. Ich bin definitiv vollkommen überqualifiziert für diesen Job, wie sie meiner angehängten Vita entnehmen können. Ich freue mich auf ihren Anruf.

Was soll ich sagen, absoluter Tiefpunkt, das weiß ich selbst. Aber wie das so ist im Leben, man muss erst so richtig tief fallen, bis man auf sein gesamtes Potenzial zugreifen kann. Ich zog mich im sprichwörtlichen Sinne an dem Stift wieder aus dem Morast und setzte mich hin, um die perfekteste Bewerbung zu formulieren, die je ein Mensch gesehen hat. Meine Damen und Herren, ich darf vorneweggreifen, dass ich mich seither nicht vor Bewerbungsgesprächen mehr retten kann.

Sehr geehrte Damen und Herren,

meine Name ist Anna Louise Buchloh und ich möchte Teil etwas so Besonderem und Großem werden, wie es Ihr Unternehmen in meinen Augen darstellt. Seid jüngster Jugend an beschäftige ich mich schon eingehend mit den Werten und Leitlinien die Ihr Unternehmen verfolgt. Bereits in meiner Schulzeit, belegte ich Leistungskurse und einige zusätzliche außerschulischen Aktivitäten, die mich meinem zukünftigen Schaffensfeld näher bringen könnten. Neben meinem vorgezogenen Abitur, dass ich exzellent abschloss, jobbte ich in Restaurants um meinen Umgang mit Kunden zu perfektionieren. Ich habe mehrere Kurse in Krisenmanagement belegt und fühle mich jeder Situation gewachsen. Neben den gängigen drei Fremdsprachen Englisch, Französisch und Spanisch, die ich natürlich fließend spreche, beherrsche ich noch Grundkenntnisse in Wort und Schrift in: Türkisch, Polnisch, Russisch und mehreren afrikanischen Dialekten. In meiner Studienzeit verbrachte ich mehrere Jahre im Außland, wo ich mich eingehen mit den Einflüssen anderer Kulturen auf Ihr Unternehmen auseinandersetzte. Pünktlichkeit gehört zu meinen besonderen Stärken. Ich bin sehr zuverlässig und flexibel. Ich bin kinderlos und obwohl ich eine Frau bin habe ich nicht vor Ihr Unternehmen zu schädigen, indem ich jetzt oder auch zu späterem Zeitpunkt ein Kind bekomme, in Mutterschutz gehe und im schlimmsten Fall sogar alleinerziehend sein könnte. Besonders gerne arbeite ich Sonn- und Feiertags und natürlich auch Nachts. Ich arbeite selbständig und eigne mir Neues schnell an. Kleinigkeiten, wie der Verlust eines Körperteils zum Beispiel, halten mich nicht von der Arbeit ab. Ich bin niemals krank, denn das Team, dem ich treu ergeben diene, braucht mich. Ein Team ist es was mich ausmacht und ich habe auch kein Problem mit sich selbstprofilierenden, cholerischen Arschlöchern, die ihren Frust an ihren Angestellten auslassen. Bezahlung finde ich im Prinzip gut, bin aber natürlich auch bereit, irgendeine fadenscheinige Ausrede gelten zu lassen, mir weniger zu zahlen. Ich finde zehn Urlaubstage im Jahr vollkommen genügend, da man den Rest meistens sowieso verfallen lässt, da man nicht dazu kommt. Durch meine engagierte Arbeit in meinem eigenen Haushalt bin ich es gewöhnt viel und regelmäßig zu putzen, so bleibe ich auch außerhalb der Arbeitszeiten in der Materie. Ich würde mich freuen, wenn sie mich für die von Ihnen ausgeschriebene Stelle als „Aushilfe für Regal einräumen und Säuberung des Ladens“ in Betracht ziehen würden.

Hochachtungsvoll,

A.Buchloh

Anna Louise Buchloh

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